Gesundheit durch traditionelles Taekwon-Do

Gesundheit durch traditionelles Taekwon-Do

Am 26. März 2017 fand in Bad Reichenhall ein Lehrgang zu dem Thema „Gesundheit durch traditionelles Taekwon-Do“ statt. Die vier Lehrgangsleiter bereiteten ihre vermittelten Inhalte entsprechend theoretisch und praktisch auf und schafften es somit, ein sehr interessantes und lehrreiches Programm zu vermitteln. Die Inhalte und Kernaussagen sollen im folgenden Artikel wiedergegeben werden.

Die vier Lehrgangsleiter und ihre Themen waren:

Orthopädie und Gelenkschäden an den Beinen und Armen (von Dr. Ralph Aman, 6. Dan)

Ziel des Vortrages war es, häufig auftretende Beschwerden und Verletzungen in den Extremitäten (Schultern, Arme, Hände und Hüfte, Beine, Füße) aus Sicht der Orthopädie zu erklären und Hinweise zu geben, wie das traditionelle Taekwon-Do lange gesund ausgeübt werden kann.

Grundsätzlich sei gesagt, dass alle sportmedizinischen Belastungsformen (z.B. Ausdauer, Schnellkraft, Aerob, Anaerob) trainiert werden, wenn sie richtig ins Training integriert werden und die Teilnehmer bewusst und gut mitmachen: Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Koordination, Ausdauer und Gewandtheit. Wichtig ist dabei, dass für ein nachhaltiges und gesundes Training folgende Reihenfolge eingehalten wird:

  1. Technik: die einzelnen Techniken müssen sauber und richtig aufgebaut werden, so dass sie beispielsweise nicht gegen die grundsätzlichen Bewegungsradien der Gelenke bewegt werden
  2. Kraftaufbau: die für die jeweilige Technik notwendige Muskulatur muss aufgebaut werden (Stabilisierung der Gelenke)
  3. Geschwindigkeit: Wenn die Technik stimmt und die Muskulatur aufgebaut ist, kann die Geschwindigkeit schrittweise erhöht werden und die Übung somit maximale Effektivität erlangen.

Es ist zu berücksichtigen, dass nicht zu oft und einseitig die gleichen Übungen durchgeführt und damit Gelenke überlastet werden. Auch auf ausreichend Pausen und Regenerationszeiten ist zu achten, damit es nicht zur Übermüdung und damit erhöhter Verletzungsanfälligkeit kommt. Im Folgenden werden die einzelnen Extremitätenabschnitte kurz erläutert:

  • Hand
    • Zur Stärkung dieser ist die Liegestütze auf den Fäusten eine der effektivsten Übungen. Dabei ist darauf zu achten, dass das Handgelenk stets gerade ist und die Berührungsfläche der Faust mit dem Boden sich auf die Knöchel von Zeige- und Mittelfinger beschränkt.
    • Zur Vorbereitung der Hand für Bruchtests ist die Abhärtung durch beispielsweise Schlagen auf ein Brett durchzuführen (Knöchel von Mittel- und Zeigefinger, Handinnen- und Außenkante)
  • Ellenbogen
    • Beim Ellenbogen ist ein häufiger Fehler, dass dieser zu sehr überstreckt wird und es somit zu Schäden im Gelenk kommen kann. Durch ein Training der entsprechenden Muskelgruppen (Bizeps & Trizeps), kann dem vorgebeugt werden.
  • Schulter
    • Ein häufiges Problem des Schulterbereiches ist die Durchführung von Bewegungen, ohne die Schulter (z.B. Schulterblätter) adäquat zu dehnen. Anatomisch wird der Oberarm vollständig von Muskeln und Weichteilen am Körper gehalten. Durch zu häufige einseitige Bewegungen (z.B. Sudo oder Yok-Sudo) kommt es zu einer Überbelastung.
    • Durch eine vielfältige Stärkung und Dehnung der Schulter, beispielsweise durch das Üben von Abwehrbewegungen oder Ellenbogenangriffen, wird einem frühzeitigen Verschleiß vorgebeugt. Die Schulterkugel wird optimal zentriert.
  • Fuß
    • Durch das umfangreiche Dehn- und Kräftigungsprogramm und die richtige Ausführung der Fußstellungen im Taekwon-Do ist der Fuß vor größeren Verletzungen oder Überlastungsschäden (z.B. Umknicken oder Achillessehnenproblemen) nahezu vollständig geschützt (wenn es nicht übertrieben wird).
    • Durch diese richtige Ausführung der Techniken und Fußstellungen wird zugleich auch das Knie geschont.
  • Knie
    • Das Kniegelenk ist anatomisch darauf ausgelegt, dass der Mensch lange Strecken laufend zurücklegen kann. Rotationen, seitliche Belastungen oder hohe Geschwindigkeiten stellen hingegen eine hohe Belastung dar.
    • Schnelle Lastwechsel und die Last in starker Beugung, wie beispielsweise die tiefe Kniebeuge (über 90°) oder Strecksprünge, aus der Hocke, sollten vermieden werden.
    • Ebenso sollten Schnappkicks nur in Maßen trainiert werden, da es hierbei häufig zu einer schädlichen Überstreckung des Kniegelenks kommt.
    • Ein adäquates Krafttraining für das Knie, Sprunggelenk und die richtige Ausführung der Übungen (z.B. drehen des Standbeines beim Kicken) kann einer möglichen Verletzung erheblich vorgebeugt werden.
  • Hüfte
    • Da jeder Mensch andere anatomische Voraussetzungen mitbringt, ist die Beweglichkeit (Kickhöhe) der Hüfte stark verschieden. Ein schwungvolles kurzfristiges Erweitern dieser Beweglichkeit geht immer auf Kosten der Gelenke, da beispielsweise Kapselanteile und Sehnen am Knochen angeschlagen werden können.
    • Durch ein umfangreiches Dehnprogramm und das Eindrehen der Hüfte kann diese Einschränkung der Beweglichkeit reduziert werden.
    • Durch vielfältige und variantenreiche Übungen, bei gleichzeitiger mäßiger Durchführung belastender Kicks (Dollyo oder Pandae) und verstärkter Übung unterstützender Kicks (Pakat oder An Pakat), wird eine langfristige Beweglichkeit der Hüfte gefördert.

Zur Schonung der Gelenke sollten die Techniken nicht permanent in die Extreme ausgeführt werden. So hilft es zum Beispiel, Techniken mit kürzerem Hebel zu nutzen, wie beim Einsatz von Ellenbogen oder Knie statt Hand oder Fuß, oder schonendere Varianten der Kicks zu verwenden, beispielsweise Pakat oder An-Pakat statt Pandae oder Dollyo zu üben.

Stretching, Atmung und Kraftaufbau (von Claus Bernet, 5. Dan)

Bei einem Lehrgang am vorangegangen Tag hat Ralf Peter (7. Dan) anschaulich erläutert, wie wichtig es ist, jede Bewegung im Training bewusst auszuführen. Häufig falsch ausgeführte Kicks können mit der Zeit Probleme von Gelenken und insbesondere der Hüfte bewirken. „Wenn wir mit unserem Körper sorgsam umgehen und ihn konsequent stärken, können wir bis in das hohe Alter aktiv und ohne Schmerzen Taekwon-Do betreiben.“

Die Trainingsstunde beginnt damit den Kreislauf in Schwung zu bringen. Bernet gelingt dies trotz der Enge in dem etwas überfüllten Raum, in kürzester Zeit; einerseits durch schnelle Laufbewegungen auf der Stelle, wobei wir unsere Knie abwechselnd maximal hochziehen, und andererseits durch Halteübungen. Dabei verbleiben wir eine gefühlte Ewigkeit in der tiefen Kima-Stellung bis unsere Gesichter gerötet sind und unsere Oberschenken glühen. Jeder kämpft, um durchzuhalten, keiner möchte vorzeitig aufgeben und die Temperatur im Trainingsraum steigt durch die erhitzten Körper deutlich an. Der Wechsel in die erste Stretching-Übung ist nach der Anstrengung eine Erleichterung. Rücksichtsvoll sucht sich jeder einen Platz für seine Beine. Schließlich sitzt jeder im Raum in der Grätsche und von oben betrachtet, ist mit Sicherheit kein Stück Boden mehr zu erkennen. Bernet betont, wie wichtig das vorangegangene Aufwärmen und die Atmung für die Dehnübungen sind. Wir steigern die Dehnung langsam mit der Atmung. Wir wechseln zwischen gehaltenen Dehnübungen und solchen, die Kraft erfordern, zwischen lockernden Laufbewegungen auf der Stelle und Kraftübungen für die Hüfte. Dann darf Bernet seine Trainingseinheit verlängern. Wir freuen uns und halten weiter durch – für unsere Gesundheit und einen schönen Yop-Chagi (Seitkick).

Die Psyche der Selbstsicherheit (von Gülabi Erkoc, 5. Dan)

Ein zu schnelles Aufgeben, sogar im Alltag, lässt viele Menschen schwach werden. Ein einfaches Einknicken des Kopfes, das Zumachen der Augen bei Fehlern, Fallenlassen der Arme, sich selbst auf die Stirn hauen… dies sind meines Erachtens Zeichen von Schwäche.

Inhalt meines Lehrganges war das Ziel den Teilnehmern ihre Ausstrahlung, die sie ja von ihrem eigenen Ich nicht wahrnehmen, fühlen und somit wirken zu lassen. Ein jeder der das Kwon, Jae-Hwa Taekwon-Do betreibt, hat eine gewisse Schaffenskraft, um sich rein mit der Körpersprache zu verständigen. Die Anwesenden sollten das Gefühl von Überzeugung, Willenskraft und Zielstrebigkeit spüren. So haben sie mit einfachen Übungen, wodurch man diese Gesten unterdrücken sollte, eine sichere Haltung erzeugt.

Eine selbstbewusste und sichere Haltung, ein überzeugter Blick, Durchsetzungsvermögen (mit einer gesunden Prise Herzlichkeit), eine Art Tatkraft, aber auch Mitmenschlichkeit und Konfliktbereitschaft habe ich am Ende meiner Stunde in den Augen der Schülerinnen und Schüler gesehen.

Sehr klar wurde es von den Rückmeldungen direkt nach der Stunde. So bedankte sich eine Teilnehmerin mit den Worten: „Danke, dass Sie mir das alles so klar vor Augen führten!“

Veränderungen im Gehirn durch das Kampfkunsttraining (Dr. Björn Pospiech, 4. Dan)

Durch das Trainieren einer Kampfkunst werden, wie bei nahezu jeder Sportart üblich, bestimmte Aktivitäten und Veränderungen im Gehirn der Trainierenden angeregt. Das Besondere in einer Kampfkunst – wie dem traditionellen Taekwon-Do – ist jedoch, dass durch die Vielfalt des Trainings gleichzeitig vielfältige Effekte zu erwarten sind. Während beispielsweise der Langstreckenläufer hauptsächlich das Herz-Kreislauf-System anregt, fördern die vielfältigen Kombinationen und immer neuen Herausforderungen zusätzlich die Veränderung und Erschaffung neuer Gehirnzellen (man spricht hier von „Plastizität des Gehirns“).

Im Folgenden sollen einige der durch das intensive Training zu erwartenden Effekte auf das Gehirn erläutert werden:

Gehirnhälften werden besser verknüpft
Die vielfältigen und immer wieder neuen Kombinationen im Training werden stets beidseitig ausgeführt. Zusätzlich werden Techniken so aneinandergereiht, dass nicht permanent die gleiche Gehirnseite angeregt und gefordert wird. Durch diese intensive Nutzung beider Gehirnhälften, werden die beiden Gehirnhälften besser verknüpft und es entstehen neue Verbindungen. Diese bessere Verknüpfung macht die Trainierenden nicht nur im Sport leistungsaktiver, sondern wirkt sich beispielsweise auch auf die Konzentrationsfähigkeit im Beruflichen aus.[1]

Gehirn wird besser durchblutet
Die teilweise hohe Belastung auf das Herz-Kreislaufsystem wirkt sich nicht nur positiv auf den Körper aus, sondern fördert in gleichem Maße die Durchblutung im Gehirn (höherer Blutdruck und schnellerer Puls). Dies hat gleich mehrere Effekte zur Folge. Zum einen wird die Anzahl der sauerstofftransportierenden Blutzellen erhöht, was eine bessere Durchblutung und damit auch höhere Leistungsfähigkeit zur Folge hat. Auf der anderen Seite werden aber auch neue Blutgefäße im Gehirn aufgebaut, was wiederum eine verbesserte und komplettere Durchblutung zur Folge hat. Die Nervenzellen werden besser mit Sauerstoff versorgt und können in höherem Maße aufgebaut werden. Dies wiederum beugt dem verstärkten Abbau von Nervenzellen in hohem Alter entgegen und beugt präventiv (altersbedingten) Erscheinungen und Krankheiten wie Demenz, Alzheimer oder sonstigen psychosomatischen Schäden am Gehirn vor.[2]

Gehirn ist Anpassungsfähig
Die bereits weiter oben beschriebene Anpassungsfähigkeit (Plastizität) des Gehirns ist unser gesamtes Leben lang aktiv. Das heißt, dass auch in hohem Alter – mit dem Einstieg in hohem Alter – noch positive Effekte durch das Training in einer Kampfkunst zu erwarten sind. Ähnlich einem Muskel, der bei Beanspruchung stärker wird, verhält es sich auch im Gehirn. Durch die regelmäßige Beanspruchung und Nutzung des Gehirns, bauen sich vermehrt Gehirnzellen (Nervenzellen) auf. Insbesondere im Hippocampus – also dem Areal im Gehirn in dem das Wissen, das man über sich und die Welt hat, enthalten ist – werden neue Nervenzellen aufgebaut. Die Bewegung beugt also dem Vergessen vor![3]

Ein weiterer nutzbarer Effekt der Kampfkünste ist beispielsweise die Anpassung von Schmerzen. Der Schmerz wird durch Sensoren in der Haut oder den Innereien wahrgenommen, jedoch erst im Gehirn individuell und personenabhängig interpretiert. Durch eine geeignete Abhärtung, beispielsweise der Knöchel beim Fauststoß, realisiert das Gehirn irgendwann, dass die empfangenen Impulse der Sensoren keine schädigende Wirkung haben und stellt die in diesem Fall überflüssige Alarmfunktion „Schmerz“ ein.[4]

Hormonausschüttung
Durch ein langanhaltendes und intensives Training werden im Körper vermehrt Glückshormone (Endorphine) und andere Hormone (wie Adrenalin) ausgeschüttet und es kann zum sogenannten „Runners High“ oder auch „Flow-Zustand“ kommen. Wir fühlen uns deshalb nach dem Training wesentlich besser und glücklicher. Weitere Folgen können die Unterdrückung von Schmerzen und die gesteigerte Leistungsbereitschaft, aber auch die Verminderung von Depressionen und Lernstörungen sein.[5]

Ökonomisierung und Automatisierung
Durch das regelmäßige Training werden die Bewegungsabläufe immer mehr automatisiert. Wie beim Laufen können wir irgendwann die Bewegungen so ausführen, dass das Gehirn minimal beansprucht wird. Diese gespeicherten Bewegungsarten und -folgen können letztendlich so schnell abgerufen werden, dass sie nach langer und intensiver Übung reflexartig abgerufen werden können und beispielsweise vom Wahrnehmen einer Gefahr bis zur Ausführung einer abwehrenden Bewegung nur Bruchteile von Sekunden vergehen.[6]

 

Zum Weiterlesen:
[1] http://www.huffingtonpost.de/2014/07/17/neurologie-linke-rechte-gehirnhaelfte_n_5595077.html
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/GehirnRechtsLinks.shtml
[2] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/02/sport-bewegung-gesundheit-therapie/seite-3
[3]  https://www.dasgehirn.info/entdecken/anatomie/der-hippocampus
[4] http://www.springermedizin.at/artikel/31308-zen-oder-die-kunst-die-schmerzempfindung-zu-lindern
http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-9968-2009-05-27.html
[5] http://www.sueddeutsche.de/wissen/runners-high-jogger-rausch-aufgeklaert-1.258666
https://books.google.de/books?id=ubR_l2lfsZsC&lpg=PA206&ots=DobKAhJ9OZ&dq=runners%20high%20Psychologie&hl=de&pg=PA206#v=onepage&q&f=false
[6] https://www.dasgehirn.info/handeln/motorik/kommandozentrale-fuer-bewegungen

© Textrechte liegen bei Dr. Björn Pospiech, Dr. Ralph Aman, Claus Bernet & Gülabi Erkoç. All rights reserved.
© Bildrechte liegen bei Jae-Hwa Kwon. All rights reserved.

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Kampfkunst: Die Wirkung auf das Gehirn

Kampfkunst: Die Wirkung auf das Gehirn

Der folgende Beitrag soll mögliche und zu erwartende Veränderungen im Gehirn von Taekwon-Do- Praktikern beschreiben. Es gibt noch keinerlei wissenschaftliche Studien zu diesem Themenkomplex. So werde ich versuchen meine Annahmen aus ähnlichen Studien sowie persönlichen Erfahrungen bestmöglich herzuleiten und zu erklären.

Das Gehirn – besser: der Teil des Gehirns, welcher für das Erlernen neuer Sachverhalte eine zentrale Rolle spielt (der Hippocampus) – kann sich auch noch bis ins hohe Alter verändern und anpassen. Dies bedeutet, dass wir jederzeit neue Fähigkeiten erlangen und uns auf veränderte Situationen einstellen können. Es ist also falsch (wie es bis vor einigen Jahren Schulmeinung der Medizin war) zu behaupten, dass unsere Fähigkeiten und unser Denkvermögen irgendwann nur noch abnehmen würden. Im Gegenteil können wir sagen: Je mehr wir unser Gehirn fordern und fördern desto fitter wird und bleibt es. Ähnlich wie bei einem Muskel, der beginnt zu schrumpfen, wenn wir ihn nicht mehr trainieren und beanspruchen, beginnen wir zu vergessen, wenn wir das Gehirn nicht permanent fordern und fördern. Dies hat dann auch zur Folge, dass unsere Fähigkeiten weniger werden und der Prozess der „Degeneration“ sich beschleunigt.

Warum wird unser Gehirn durch Sport leistungsfähiger?

Durch das regelmäßige Training wird unser Herz-Kreislauf-System beansprucht und es wird permanent sauerstoffreiches Blut ins Gehirn gepumpt. Hierdurch wird das Gehirn angeregt neue Zellen (Nervenzellen) und Verbindungen (Synapsen) zu bilden. Durch diese Veränderungen können neue Informationen (Wissen, Bewegungsabläufe etc.) gespeichert werden. Zur gleichen Zeit werden aber auch alte und nicht benötigte Zellen und Verbindungen im Gehirn abgebaut und Wissen geht verloren. Wenn das Gehirn also nicht genug mit Sauerstoff und „Nahrung“ versorgt wird, bauen sich weniger Zellen auf als sich abbauen. Wir werden vergesslicher und unsere kognitiven Fähigkeiten (Wahrnehmen, Erinnern, Denken etc.) nehmen ab.

Studien zeigen, dass der regelmäßige, richtige Sport diesem Verfall entgegenwirken kann, weil dadurch mehr Sauerstoff in das Gehirn gelangt. Weiterhin gibt es Anzeichen, dass während des Sports die Bereiche im Gehirn weniger beansprucht werden, die für logisches Denken und Planen verantwortlich sind. Dies ist wie eine kurze Auszeit für das Gehirn zu sehen, wodurch der Kopf wieder frei wird und wir uns anschließend wieder besser konzentrieren und denken können. Dies kann mit Erkenntnissen aus der Kreativitätsforschung belegt werden, nach denen ein kreativer Prozess regelmäßige Auszeiten braucht, damit das Gehirn neue Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Informationen bilden kann und es schließlich zum „Geistesblitz“ kommt.

Der Hirnforscher Arne Dietrich von der American University of Beirut sagt zur Wahl des Sports: „Die Voraussetzungen sind Spaß an der Sportart und eine individualisierte Belastungsintensität, die weder als zu hoch noch als zu niedrig empfunden wird.“

Verdeutlicht am Beispiel der Hyong

Die Hyong ist eine festgeschriebene Abfolge von Techniken aus dem traditionellen Taekwon-Do. Hierbei soll ein Kampf, bestehend aus Abwehr- und Angriffstechniken, simuliert werden. Die Angreifer werden sich vom Kämpfer hierbei lediglich vorgestellt und deren Angriffe mit entsprechenden Blocks und Gegenangriffen pariert. Der so entstehende Schattenkampf hat das Ziel Techniken zu üben, zu perfektionieren und zu automatisieren. Darüber hinaus hat die Hyong aber noch weitere positive Eigenschaften für den Übenden:

Es gibt 19 Hyongs, die im System nach Jae-Hwa Kwon gelaufen werden. Insgesamt sind das 680 Bewegungen, welche man im Laufe der Jahre lernt und sich merken muss. Dabei geht es nicht nur darum sich die Bewegungen irgendwie zu merken, sondern sie mit der Zeit zu perfektionieren. Dies umfasst neben der richtigen Endposition auch die Fußstellung, die Art und Weise der Ausholbewegung und den Ausdruck beim Laufen der Hyong. Fitness spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, da jeder Praktizierende die Formen nach seinen individuellen Möglichkeiten laufen kann. Niemand muss Unmögliches vollbringen und Techniken zeigen, wie es vielleicht noch ein 17-Jähriger schafft. Hingegen soll jeder an seine eigenen Grenzen gehen und diese versuchen zu erweitern. Richtig ausgeführt sind die Bewegungen als gesundheitsfördernd für jedes Alter zu sehen. Sie erhalten und fördern beispielsweise die Beweglichkeit, Fitness und körperliche Kraft.

Für unsere kognitiven Fähigkeiten (Verarbeitung von Wissen durch beispielsweise Wahrnehmung, Erinnern, Denken und der Einsatz von Sprache) bedeutet das Laufen einer Hyong, dass durch das ständige Wiederholen der Bewegungen das Gehirn aktiv jung gehalten wird. Vielfältige Bewegungen werden mit allen Teilen des Körpers ausgeführt und das Gehirn durch die Bewegungen aktiviert. Dies hilft dem Vergessen und dem weiter oben beschriebenen Zerfall entgegenzuwirken. Das Üben der Hyong fördert also die Gesundheit der Übenden unabhängig von ihrem Alter. Selbst in höherem Alter ist es noch möglich und sinnvoll mit dem Taekwon-Do und den Hyongs anzufangen. Die Techniken sind so aufgebaut, dass sie die individuellen körperlichen, psychisch-mentalen und sozialen Fähigkeiten eines jeden Trainierenden berücksichtigen und aufbauen. Das bedeutet, dass mit einfachen und Abwehr- und Angriffstechniken mit den Armen und Händen begonnen wird. Hier ist die größte Hürde vielleicht noch die ungewohnten Bewegungsabläufe mit ihren Drehungen zu erlernen und sich die Bewegungen zu merken. Mit dem Können und den Fähigkeiten des Trainierenden werden dann auch die Hyongs komplexer und herausfordernder. Somit werden sowohl dem Körper, als auch der Psyche neue Herausforderungen abverlangt und es kommt zu einer Steigerung der Fähigkeiten. Hierbei spielt das Alter wiederum keine Rolle, da vielmehr die akkurate und richtige Ausführung der Bewegungen im Vordergrund stehen als die körperlichen Höchstleistungen.

Jae-Hwa Kwon demonstriert die Handhaltung beim Faußtstoß.
Die Technik kann unabhängig vom Alter oder sonstigen
Voraussetzungen erlernt werden.

Verdeutlicht am Beispiel des regulären Trainings

Im traditionellen Taekwon-Do nach Jae-Hwa Kwon steht nicht das stupide Üben von wenigen Techniken im Vordergrund. Beispielsweise könnte die permanente einseitige Übung eines bestimmten Kicks eine zu hohe Belastung auf die Gelenke im Hüftbereich ausüben. Stattdessen werden mehr oder weniger komplexe Technik-Kombinationen geübt und einstudiert. Technikfolgen haben zum einen den Aspekt der Vielseitigkeit im Fokus. Es werden dabei möglichst viele verschiedene Bereiche des Körpers aktiviert und bewegt, um eine ausgewogene und ganzheitliche Förderung des Körpers zu forcieren. Somit wird also im normalen Training jeder Muskel, jedes Gelenk und jede mögliche Rotationsebene trainiert. Hinzu kommt zum anderen, dass diese komplexen Bewegungsabläufe einen großen Einfluss auf unsere kognitiven Fähigkeiten haben (also wie Informationen und Bewegungen verarbeitet werden).

Jae-Hwa Kwon demonstriert eine Abwehrbewegung.
Jae-Hwa Kwon demonstriert eine Abwehrbewegung.

Durch die permanente Übung verschiedenster Bewegungen werden die Abläufe automatisiert. Ähnlich dem Laufen, bei dem wir uns nicht mehr auf den Bewegungsablauf (linker Fuß, rechter Fuß usw.) konzentrieren müssen, werden die Bewegungen zunehmend ausgeführt, ohne dass wir darüber nachdenken müssen.

In einer Unterrichtseinheit werden optimaler Weise alle erdenkbaren Bewegungsabläufe und -richtungen geübt, was wiederum die Flexibilität des Gehirns fördert. Anstatt eine Bewegung permanent zu wiederholen, werden beide Gehirnhälften (die logisch denkende und die kreativ denkende) durch die vielen verschiedenen Bewegungen miteinander verknüpft. Wir müssen uns zu hundert Prozent auf die aktuelle Bewegung konzentrieren und haben keine freien Kapazitäten für andere Gedanken. Dieses „Befreien“ von allen unnützen Gedanken ist auch ein Ziel in der Meditationspraxis. Wir sind den ganzen Tag über mit Informationen und wichtigen Dingen beschäftigt, dass uns das Abschalten zunehmend schwerfällt. Demzufolge ermöglicht uns selbst das reguläre Training eine Befreiung von allen überflüssigen Gedanken. Dies kann mit einer Art Bewegungsmeditation, wie es beispielsweise auch das Yoga ist, gleichgesetzt werden. Mit etwas Übung ist man dann nach dem Training nicht kaputt und müde, sondern hat den Kopf frei für Neues.

Nachahmung und Arbeitsweise des Gehirns

In der Psychologie gibt es das Konzept der sozialkognitiven Lerntheorie. Dieses besagt, dass wir bereits von Kindesbeinen an durch Beobachten und Nachahmen lernen und uns entsprechende Eigenschaften durch „abgucken“ aneignen. Bereits kleine Kinder lernen, indem sie Ältere (z.B. Geschwister oder Eltern) nachahmen. Das bloße Zusehen bei Bewegungsabläufen bewirkt im Gehirn, dass sich entsprechende Strukturen entwickeln und wir beginnen zu lernen. Der Trainer, Lehrer oder Meister kann also durch das Vormachen von Bewegungen bereits einen Lerneffekt in Gang setzen. Wichtig dabei ist zu bemerken, dass es nicht lediglich um ein Kopieren von Bewegungen geht, sondern darum das Ziel der Bewegung zu verstehen, um diese dann auf die eigenen Möglichkeiten anpassen zu können. Auch hier spielt wieder die Unterscheidung in Alter, Fitness, Beweglichkeit etc. eine zentrale Rolle, da sich ein 50-Jähriger nicht mehr so bewegen kann, wie ein 17-Jähriger. Das Ziel ist es die Bewegung im Rahmen der gegebenen Toleranzen für sich zu interpretieren. Das Schöne ist, dass dies nahezu vollständig automatisiert abläuft. Je mehr wir in die Trainingsphilosophie einsteigen, desto leichter fällt es die Bewegungen und Trainingsinhalte auszuführen, unabhängig von Alter oder sonstigen persönlichen Umständen.

Jae-Hwa Kwon zeigt einen Dwit-Chagi (Rückwertstritt) mit beiden Füßen.
Eine solch perfekte Synchronität ist nur mit durch jahrelanges intensives
Training möglich. Durch dieses beidseitige Üben der Techniken werden
die beiden Gehirnhälften gefördert.

Hinzu kommt, dass unser Gehirn nicht darauf ausgelegt ist mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Der Eindruck, dass wir dies könnten, entsteht allein dadurch, dass die Abfolgen so schnell hintereinander passieren, dass sie gleichzeitig erscheinen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Dehnen. Dabei gehen wir in eine Dehnung – wie beispielsweise den Spagat – und verspüren zunächst einen Schmerz. Dieser Schmerz kann jedoch durch eine Ablenkung, wie beispielsweise die Konzentration auf die Atmung, gemindert oder gar ganz vergessen werden. Das Gehirn kann sich immer nur auf eine Situation zur gleichen Zeit konzentrieren. Indem wir uns also auf etwas anderes fokussieren, tritt eine unangenehme Erscheinung in den Hintergrund. Wir nehmen den Schmerz nicht mehr wahr und können unsere vermeintlichen Grenzen erweitern. Das Dehnen im Spagat geht besser und wir kommen tiefer runter. Indem wir uns also auf etwas konzentrieren, können wir uns verbessern und unsere Fähigkeiten nehmen zu. Es geht also nicht darum alles auf einmal zu erreichen, sondern sich Stück für Stück weiter zu entwickeln. Dies ist wiederum in der Art und Weise des Trainings im traditionellen Taekwon-Do verankert. Die Trainierenden werden nach und nach an die ganzheitliche Entwicklung von Körper und Psyche herangeführt und erhalten immer nur so viel an neuen Techniken und neuem Wissen, wie sie brauchen. Es ist eine Entwicklung, die über mehrere Jahre dauert und die Trainierenden nachhaltig und auf die eigenen Möglichkeiten abgestimmt auf einen gesunden und selbstsicheren Weg führt. Das Gehirn erweitert mit der Zeit seine Fähigkeiten und wird leistungsfähiger. Diese im Training erlangten Fähigkeiten übertragen sich auf das eigene Leben und die Leistungsfähigkeit steigt.

Natürlich gibt es noch weitere Effekte, die im Gehirn von Kampfkünstlern durch das Training angestoßen werden. Beispielsweise gibt es positive mental-psychische Effekte im Bereich der Selbstsicherheit, des Selbstbewusstseins, der Selbstwirksamkeit oder der Beziehungsgestaltung. Weiterhing hat die Wirkung von Vorbildern einen enormen positiven Einfluss auf unsere mentale und soziale Verfassung. Diese weitern Effekte sollen in zukünftigen Blogbeiträgen näher erläutert werden.

Jae-Hwa Kwon - One Body. One Life. One Mision.
Meister Kwon zu seinem 50 jährigem Jubeläum des unterrichtens in Europa und der Welt. Sein Motto: One Body. One Life. One Mission.

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