Da ich immer wieder gefragt werde, ob ich nun ein Meister sei, und was die Unterschiede zwischen einem Trainer[1] und einem Meister seien, widme ich mich im folgenden Beitrag diesem Thema. Ich möchte damit beginnen, zu erörtern, was passiert und sich ändert, wenn man Schwarzgurt wird und wie dann die Entwicklung über den Trainer und den Lehrer zum Meister vonstattengehen könnte. Es geht mir dabei letztendlich darum, eine mögliche Entwicklung darzustellen und aufzuzeigen, wie umfassend und tiefgründig diese Entwicklung sein kann.

Jae-Hwa Kwon zeigt verschiedene Varianten des Yop Chagi (Seitwärtskick), um zu demonstrieren welche Varianten es bei diesem Kick gibt.

Der Schwarzgurt – Ein Anfang und nicht das Ziel

Obwohl einem persönlich die Zeit bis zum Schwarzgurt mitunter sehr lange vorkommen mag, so ist sie doch – verglichen mit der gesamten Lebenszeit – eher als kurz einzustufen. Aber gerade diese Phase vor dem Erreichen des Schwarzgurtes ist eine der wichtigsten im Dasein eines Kampfkünstlers, bildet sie doch die Grundlage für das technische Verständnis und das Fundament des späteren Selbstverständnisses. In dieser Phase spielt der eigene Meister eine zentrale Rolle für die eigene Entwicklung, weil dieser durch sein Wissen und seine Art, dies zu vermitteln (oder leider eben auch durch sein Unwissen und sein fehlendes Verständnis), den Weg seiner Schüler lenkt. Den Schülern bleibt nichts anderes übrig, als ihrem Meister zu vertrauen, dass dieser sie wohlwollend auf einen Weg der persönlichen Entwicklung schickt und dabei begleitet – fehlt ihnen doch das Wissen und die Fertigkeiten für eine realistische Reflektion der vermittelten Inhalte.

Wenn der Schwarzgurt erst der Anfang ist, welche Grundlagen sollten dann in der Zeit bis dahin überhaupt geschaffen werden? Meiner Meinung nach ist die Aufgabe des Meisters, seinen Schülern bis zum Schwarzgurt die technischen, mentalen und philosophischen Grundlagen zu vermitteln.

Nur wenn er in allen drei Bereichen geschult wurde, kann der Schwarzgurt damit beginnen, sich intensiv mit dem Erlernten zu beschäftigen, es reflektieren und es in eine eigene Idee der Anwendung übertragen. Es geht als Schwarzgurt nicht mehr darum, seine Trainer, Lehrer oder Meister zu kopieren, sondern darum ein eigenes Verständnis von Kampfkunst aufzubauen und zu verinnerlichen, um dieses dann anderen glaubhaft vermitteln zu können.

Den Rahmen bilden dabei die zuvor erlernten Techniken, da sie die spezifische Grundlage der Bewegungsphilosophie einer Kampfkunst sind. Diese grundlegenden Techniken sind so aufgebaut, dass sie die Trainierenden ganzheitlich fordern, fördern, gesund halten und dabei der Physiologie[2] des Menschen entsprechen. Die Techniken einer Kampfkunst haben sich über Jahre, wenn nicht Jahrhunderte, entwickelt und bedürfen eines tiefen Verständnisses der Möglichkeiten des Körpers, um sie gesundheitsfördernd zu unterrichten. Dieses Verständnis gilt es aufzubauen, bevor man eine Trainertätigkeit aufnehmen kann, da das falsche Training andernfalls zu nachhaltigen, teilweise sogar negativ lebensbeeinflussenden, Verletzungen führen kann.

Des Weiteren geht es nun darum, eine eigene Trainerpersönlichkeit aufzubauen. Diese geht einher mit dem Erlangen einer „natürlichen“ Authorität, also der selbstverständlichen, lässigen und selbstbewussten Ausstrahlung, die bewirkt, dass andere einen als Wissensträger und Trainer freiwillig und von sich aus respektieren und akzeptieren. Hierbei ist ein gegenseitiger menschlicher und respektvoller Umgang ebenso von zentraler Bedeutung (Beziehungsgestaltung), wie das richtige Vermitteln der Techniken und Lehrinhalte. Ebenso wichtig ist es aber auch, an der eigenen Ausstrahlung (Körperhaltung, Gestik, Mimik, Stimme) zu arbeiten, da dies im Unterricht neben dem Zeigen der Techniken die elementaren Elemente für das Gelingen des Unterrichts sind.

Der Trainer auf dem Weg zum Lehrer

Wie es das Wort schon sagt, bildet der Trainer andere Menschen in gewissen Fertigkeiten aus. Er vermittelt ihnen auf Basis seines zuvor erlangten Könnens die technischen Grundlagen der Kampfkunst, also die Bewegungen, Abwehr- und Angriffstechniken. Dies geschieht unter Anleitung und in enger Absprache mit dem Meister, da oftmals zunächst die Erfahrung fehlt und sich die Schülerinnen und Schüler in dem von ihren Lehrern und Meistern vorgegebenen Rahmen entwickeln sollen. Der Trainer ist somit ein verlängerter Arm des Lehrers/Meisters und gibt in seinem Namen Unterricht. Aus diesem Grund hat ein Trainer keinerlei Verantwortung für die mental-geistige Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Das bedeutet aber nicht, dass er keinen verantwortungsvollen Unterricht geben soll und die Techniken entsprechend der individuellen Möglichkeiten der Trainierenden vermitteln sollte.

Der Lehrer bringt seinen Schülerinnen und Schülern neben den technischen Fertigkeiten beispielsweise auch Wissen und philosophische Hintergründe bei. Viel wichtiger ist neben der Technik also, dass er die Verantwortung für eine positive Entwicklung übernimmt. Neben dem technischen und physischen (körperlichen) Grundverständnis gehört deswegen auch ein reflektiertes und fundiertes Wissen aus den Bereichen der Psychologie und der Pädagogik dazu. Das bedeutet aus meiner Sicht, dass man nicht nach dem Muster „Ich glaube so wie ich es mache, ist es schon gut.“ vorgeht, sondern sich seiner Art und Weise des Vermittelns bewusst ist und man das eigene Wissen permanent in Frage stellen kann und versucht sich beispielsweise anhand der richtigen Literatur (oder anderer Wissensquellen) selbst weiterzuentwickeln. Gemäß dem lateinischen Sprichwort „Niemand ist als Meister geboren.“ („Nemo magister natus“) ist es eine harte und lebenserfüllende Aufgabe, ein Meister zu werden und zu bleiben.

In der Kampfkunst geht es meiner Meinung nach darum, Menschen körperlich, mental/psychisch und sozial stark zu machen und sie auf dem Weg der Kampfkunst positiv zu beeinflussen und zu fördern. Dies geht mit einer Förderung der Gesundheit und der positiven Entwicklung der Persönlichkeit einher. Es kann aber nur gelingen, wenn der Lehrer/Meister als positives Muster vorangeht und das Gesagte und die vermittelten Inhalte auch vorlebt. Die Techniken können beispielsweise durch kleinste fehlerhafte Ausführungen dem Körper immensen Schaden zufügen, anstatt zu helfen. Indem der Lehrer/Meister die Techniken richtig vorzeigt und im Anschluss bei seinen Schülern korrigiert, trägt er maßgeblich zur Gesundheitsförderung bei. Wenn er seine eigenen Fehler in der Ausführung nicht korrigiert und dadurch beispielsweise eigene gesundheitliche Risiken eingeht, wie kann er dann sicherstellen und sicher sein, dass seine Schüler sich reflektieren und notwendige Veränderungen nachhaltig annehmen.

Demnach gehört es meiner Meinung nach zu einem Meister dazu, dass man permanent an sich arbeitet und sich weiterentwickelt, um für diejenigen ein Vorbild zu sein, die zu einem aufsehen.

Flußkieselsteinbruchtest im Labor (Jae-Hwa Kwon)
Meister Kwon demonstrierte seinen Spezialbruchtest hunderte mal in der ganzen Welt. Dabei zerschmettert er einen mehrere zentimeter dicken Flußkieselstein mit der bloßen Hand. Im Jahr 1984 wurde in einem Versuchslabor gemessen welche Kräfte er dabei aufbringt.

Wann ist man ein Meister?

In einem Handwerksberuf legt man nach vielen Jahren der Arbeit vor erfahrenen Ausbildern seine Meisterprüfung ab und darf sich fortan Meister nennen. In den Kampfkünsten gibt es meiner Meinung nach so eine Prüfung vor anderen Meistern nicht, beziehungsweise lediglich pro forma. Die Prüfung findet stattdessen im Leben statt und irgendwann hat man einen Zustand erreicht, in dem andere einen auf natürliche Art und Weise als Meister anerkennen.

Demnach antworte ich auch immer auf die eingangs erwähnte Frage, ob ich ein Meister sei, dass dies von meinen Schülern und den mir umgebenen Menschen abhängt. Wenn jemand das Empfinden hat, ich sei ein Meister, so wird derjenige mir dies zu erkennen geben. Ob dies durch die Aussprache des Wortes „Meister“ vollzogen wird, oder einfach durch die Form wie er oder sie sich mir gegenüber verhält. Die Unterschiede vom Lehrer zum Meister mache ich für mich an folgenden Dingen fest. Ein Lehrer …

  • ist Experte für die Techniken der Kampfkunst, die er vermittelt.
  • ist Unterstützend und weiß, seine Schülerinnen und Schüler auf ihrem Lebensweg zu begleiten und bei ihrer Entwicklung zu fördern.
  • ist Vorbild für andere und lebt seinen gewählten Weg und seine Lehren voll und ganz vor.
  • hat Kompetenzen in allen Bereichen, in denen er seinen Schülern bei Ihrer Entwicklung hilft (z.B. Pädagogik, Psychologie, Gesundheit, Medizin, Beziehungsbildung, Lebensberatung und -begleitung usw.). Wenn ihm Kompetenzen in einem Bereich fehlen, versucht er sie sich anzueignen oder er grenzt sie aus seinem Lehrrepertoire aus.
  • kennt die Hintergründe und Beweggründe seiner Kampfkunst, seines Handelns und seiner vermittelten Inhalte
  • baut die Beziehung zu seinen Schülern basierend auf Respekt, Gerechtigkeit, Anstand, Weisheit, Vertrauen, Demut und dem gemeinsamen Weg auf und nutzt seine Stellung zu keinem Zeitpunkt aus.
  • ist aktiv in der Lehre seiner Schüler tätig.
  • stellt die Entwicklung seiner Schüler in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit.

Aber selbst wenn ein Lehrer bei sich all diese Eigenschaften sieht, so ist er noch lange kein Meister. Dies wird er erst, wenn andere die Eigenschaften in ihm sehen und anerkennen. Dann wird er vom Lehrer zum Meister. Die Anerkennung geht also im besten Fall immer von den eigenen Schülerinnen und Schülern aus und überträgt sich dann durch das im Leben Erreichte und für die Kampfkunst Geleistete auf andere.

Jae-Hwa Kwon - One Body. One Life. One Mision.
Meister Kwon zu seinem 50 jährigem Jubeläum des unterrichtens in Europa und der Welt. Sein Motto: One Body. One Life. One Mission.

[1] Aufgrund der besseren Lesbarkeit verwende ich in meinen Texten auf dieser Website der Einfachheit halber weitestgehend die männliche Form. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.

[2] Physiologie meint die Möglichkeiten, die der Funktionsweise des menschlichen Körpers entsprechen, ohne ihn zu verletzen oder zu zerstören.

© Textrechte liegen bei Dr. Björn Pospiech. All rights reserved.
© Bildrechte liegen bei Jae-Hwa Kwon. All rights reserved.

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