Der folgende Beitrag soll mögliche und zu erwartende Veränderungen im Gehirn von Taekwon-Do- Praktikern beschreiben. Es gibt noch keinerlei wissenschaftliche Studien zu diesem Themenkomplex. So werde ich versuchen meine Annahmen aus ähnlichen Studien sowie persönlichen Erfahrungen bestmöglich herzuleiten und zu erklären.

Das Gehirn – besser: der Teil des Gehirns, welcher für das Erlernen neuer Sachverhalte eine zentrale Rolle spielt (der Hippocampus) – kann sich auch noch bis ins hohe Alter verändern und anpassen. Dies bedeutet, dass wir jederzeit neue Fähigkeiten erlangen und uns auf veränderte Situationen einstellen können. Es ist also falsch (wie es bis vor einigen Jahren Schulmeinung der Medizin war) zu behaupten, dass unsere Fähigkeiten und unser Denkvermögen irgendwann nur noch abnehmen würden. Im Gegenteil können wir sagen: Je mehr wir unser Gehirn fordern und fördern desto fitter wird und bleibt es. Ähnlich wie bei einem Muskel, der beginnt zu schrumpfen, wenn wir ihn nicht mehr trainieren und beanspruchen, beginnen wir zu vergessen, wenn wir das Gehirn nicht permanent fordern und fördern. Dies hat dann auch zur Folge, dass unsere Fähigkeiten weniger werden und der Prozess der „Degeneration“ sich beschleunigt.

Warum wird unser Gehirn durch Sport leistungsfähiger?

Durch das regelmäßige Training wird unser Herz-Kreislauf-System beansprucht und es wird permanent sauerstoffreiches Blut ins Gehirn gepumpt. Hierdurch wird das Gehirn angeregt neue Zellen (Nervenzellen) und Verbindungen (Synapsen) zu bilden. Durch diese Veränderungen können neue Informationen (Wissen, Bewegungsabläufe etc.) gespeichert werden. Zur gleichen Zeit werden aber auch alte und nicht benötigte Zellen und Verbindungen im Gehirn abgebaut und Wissen geht verloren. Wenn das Gehirn also nicht genug mit Sauerstoff und „Nahrung“ versorgt wird, bauen sich weniger Zellen auf als sich abbauen. Wir werden vergesslicher und unsere kognitiven Fähigkeiten (Wahrnehmen, Erinnern, Denken etc.) nehmen ab.

Studien zeigen, dass der regelmäßige, richtige Sport diesem Verfall entgegenwirken kann, weil dadurch mehr Sauerstoff in das Gehirn gelangt. Weiterhin gibt es Anzeichen, dass während des Sports die Bereiche im Gehirn weniger beansprucht werden, die für logisches Denken und Planen verantwortlich sind. Dies ist wie eine kurze Auszeit für das Gehirn zu sehen, wodurch der Kopf wieder frei wird und wir uns anschließend wieder besser konzentrieren und denken können. Dies kann mit Erkenntnissen aus der Kreativitätsforschung belegt werden, nach denen ein kreativer Prozess regelmäßige Auszeiten braucht, damit das Gehirn neue Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Informationen bilden kann und es schließlich zum „Geistesblitz“ kommt.

Der Hirnforscher Arne Dietrich von der American University of Beirut sagt zur Wahl des Sports: „Die Voraussetzungen sind Spaß an der Sportart und eine individualisierte Belastungsintensität, die weder als zu hoch noch als zu niedrig empfunden wird.“

Verdeutlicht am Beispiel der Hyong

Die Hyong ist eine festgeschriebene Abfolge von Techniken aus dem traditionellen Taekwon-Do. Hierbei soll ein Kampf, bestehend aus Abwehr- und Angriffstechniken, simuliert werden. Die Angreifer werden sich vom Kämpfer hierbei lediglich vorgestellt und deren Angriffe mit entsprechenden Blocks und Gegenangriffen pariert. Der so entstehende Schattenkampf hat das Ziel Techniken zu üben, zu perfektionieren und zu automatisieren. Darüber hinaus hat die Hyong aber noch weitere positive Eigenschaften für den Übenden:

Es gibt 19 Hyongs, die im System nach Jae-Hwa Kwon gelaufen werden. Insgesamt sind das 680 Bewegungen, welche man im Laufe der Jahre lernt und sich merken muss. Dabei geht es nicht nur darum sich die Bewegungen irgendwie zu merken, sondern sie mit der Zeit zu perfektionieren. Dies umfasst neben der richtigen Endposition auch die Fußstellung, die Art und Weise der Ausholbewegung und den Ausdruck beim Laufen der Hyong. Fitness spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, da jeder Praktizierende die Formen nach seinen individuellen Möglichkeiten laufen kann. Niemand muss Unmögliches vollbringen und Techniken zeigen, wie es vielleicht noch ein 17-Jähriger schafft. Hingegen soll jeder an seine eigenen Grenzen gehen und diese versuchen zu erweitern. Richtig ausgeführt sind die Bewegungen als gesundheitsfördernd für jedes Alter zu sehen. Sie erhalten und fördern beispielsweise die Beweglichkeit, Fitness und körperliche Kraft.

Für unsere kognitiven Fähigkeiten (Verarbeitung von Wissen durch beispielsweise Wahrnehmung, Erinnern, Denken und der Einsatz von Sprache) bedeutet das Laufen einer Hyong, dass durch das ständige Wiederholen der Bewegungen das Gehirn aktiv jung gehalten wird. Vielfältige Bewegungen werden mit allen Teilen des Körpers ausgeführt und das Gehirn durch die Bewegungen aktiviert. Dies hilft dem Vergessen und dem weiter oben beschriebenen Zerfall entgegenzuwirken. Das Üben der Hyong fördert also die Gesundheit der Übenden unabhängig von ihrem Alter. Selbst in höherem Alter ist es noch möglich und sinnvoll mit dem Taekwon-Do und den Hyongs anzufangen. Die Techniken sind so aufgebaut, dass sie die individuellen körperlichen, psychisch-mentalen und sozialen Fähigkeiten eines jeden Trainierenden berücksichtigen und aufbauen. Das bedeutet, dass mit einfachen und Abwehr- und Angriffstechniken mit den Armen und Händen begonnen wird. Hier ist die größte Hürde vielleicht noch die ungewohnten Bewegungsabläufe mit ihren Drehungen zu erlernen und sich die Bewegungen zu merken. Mit dem Können und den Fähigkeiten des Trainierenden werden dann auch die Hyongs komplexer und herausfordernder. Somit werden sowohl dem Körper, als auch der Psyche neue Herausforderungen abverlangt und es kommt zu einer Steigerung der Fähigkeiten. Hierbei spielt das Alter wiederum keine Rolle, da vielmehr die akkurate und richtige Ausführung der Bewegungen im Vordergrund stehen als die körperlichen Höchstleistungen.

Jae-Hwa Kwon demonstriert die Handhaltung beim Faußtstoß.
Die Technik kann unabhängig vom Alter oder sonstigen
Voraussetzungen erlernt werden.

Verdeutlicht am Beispiel des regulären Trainings

Im traditionellen Taekwon-Do nach Jae-Hwa Kwon steht nicht das stupide Üben von wenigen Techniken im Vordergrund. Beispielsweise könnte die permanente einseitige Übung eines bestimmten Kicks eine zu hohe Belastung auf die Gelenke im Hüftbereich ausüben. Stattdessen werden mehr oder weniger komplexe Technik-Kombinationen geübt und einstudiert. Technikfolgen haben zum einen den Aspekt der Vielseitigkeit im Fokus. Es werden dabei möglichst viele verschiedene Bereiche des Körpers aktiviert und bewegt, um eine ausgewogene und ganzheitliche Förderung des Körpers zu forcieren. Somit wird also im normalen Training jeder Muskel, jedes Gelenk und jede mögliche Rotationsebene trainiert. Hinzu kommt zum anderen, dass diese komplexen Bewegungsabläufe einen großen Einfluss auf unsere kognitiven Fähigkeiten haben (also wie Informationen und Bewegungen verarbeitet werden).

Jae-Hwa Kwon demonstriert eine Abwehrbewegung.
Jae-Hwa Kwon demonstriert eine Abwehrbewegung.

Durch die permanente Übung verschiedenster Bewegungen werden die Abläufe automatisiert. Ähnlich dem Laufen, bei dem wir uns nicht mehr auf den Bewegungsablauf (linker Fuß, rechter Fuß usw.) konzentrieren müssen, werden die Bewegungen zunehmend ausgeführt, ohne dass wir darüber nachdenken müssen.

In einer Unterrichtseinheit werden optimaler Weise alle erdenkbaren Bewegungsabläufe und -richtungen geübt, was wiederum die Flexibilität des Gehirns fördert. Anstatt eine Bewegung permanent zu wiederholen, werden beide Gehirnhälften (die logisch denkende und die kreativ denkende) durch die vielen verschiedenen Bewegungen miteinander verknüpft. Wir müssen uns zu hundert Prozent auf die aktuelle Bewegung konzentrieren und haben keine freien Kapazitäten für andere Gedanken. Dieses „Befreien“ von allen unnützen Gedanken ist auch ein Ziel in der Meditationspraxis. Wir sind den ganzen Tag über mit Informationen und wichtigen Dingen beschäftigt, dass uns das Abschalten zunehmend schwerfällt. Demzufolge ermöglicht uns selbst das reguläre Training eine Befreiung von allen überflüssigen Gedanken. Dies kann mit einer Art Bewegungsmeditation, wie es beispielsweise auch das Yoga ist, gleichgesetzt werden. Mit etwas Übung ist man dann nach dem Training nicht kaputt und müde, sondern hat den Kopf frei für Neues.

Nachahmung und Arbeitsweise des Gehirns

In der Psychologie gibt es das Konzept der sozialkognitiven Lerntheorie. Dieses besagt, dass wir bereits von Kindesbeinen an durch Beobachten und Nachahmen lernen und uns entsprechende Eigenschaften durch „abgucken“ aneignen. Bereits kleine Kinder lernen, indem sie Ältere (z.B. Geschwister oder Eltern) nachahmen. Das bloße Zusehen bei Bewegungsabläufen bewirkt im Gehirn, dass sich entsprechende Strukturen entwickeln und wir beginnen zu lernen. Der Trainer, Lehrer oder Meister kann also durch das Vormachen von Bewegungen bereits einen Lerneffekt in Gang setzen. Wichtig dabei ist zu bemerken, dass es nicht lediglich um ein Kopieren von Bewegungen geht, sondern darum das Ziel der Bewegung zu verstehen, um diese dann auf die eigenen Möglichkeiten anpassen zu können. Auch hier spielt wieder die Unterscheidung in Alter, Fitness, Beweglichkeit etc. eine zentrale Rolle, da sich ein 50-Jähriger nicht mehr so bewegen kann, wie ein 17-Jähriger. Das Ziel ist es die Bewegung im Rahmen der gegebenen Toleranzen für sich zu interpretieren. Das Schöne ist, dass dies nahezu vollständig automatisiert abläuft. Je mehr wir in die Trainingsphilosophie einsteigen, desto leichter fällt es die Bewegungen und Trainingsinhalte auszuführen, unabhängig von Alter oder sonstigen persönlichen Umständen.

Jae-Hwa Kwon zeigt einen Dwit-Chagi (Rückwertstritt) mit beiden Füßen.
Eine solch perfekte Synchronität ist nur mit durch jahrelanges intensives
Training möglich. Durch dieses beidseitige Üben der Techniken werden
die beiden Gehirnhälften gefördert.

Hinzu kommt, dass unser Gehirn nicht darauf ausgelegt ist mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Der Eindruck, dass wir dies könnten, entsteht allein dadurch, dass die Abfolgen so schnell hintereinander passieren, dass sie gleichzeitig erscheinen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Dehnen. Dabei gehen wir in eine Dehnung – wie beispielsweise den Spagat – und verspüren zunächst einen Schmerz. Dieser Schmerz kann jedoch durch eine Ablenkung, wie beispielsweise die Konzentration auf die Atmung, gemindert oder gar ganz vergessen werden. Das Gehirn kann sich immer nur auf eine Situation zur gleichen Zeit konzentrieren. Indem wir uns also auf etwas anderes fokussieren, tritt eine unangenehme Erscheinung in den Hintergrund. Wir nehmen den Schmerz nicht mehr wahr und können unsere vermeintlichen Grenzen erweitern. Das Dehnen im Spagat geht besser und wir kommen tiefer runter. Indem wir uns also auf etwas konzentrieren, können wir uns verbessern und unsere Fähigkeiten nehmen zu. Es geht also nicht darum alles auf einmal zu erreichen, sondern sich Stück für Stück weiter zu entwickeln. Dies ist wiederum in der Art und Weise des Trainings im traditionellen Taekwon-Do verankert. Die Trainierenden werden nach und nach an die ganzheitliche Entwicklung von Körper und Psyche herangeführt und erhalten immer nur so viel an neuen Techniken und neuem Wissen, wie sie brauchen. Es ist eine Entwicklung, die über mehrere Jahre dauert und die Trainierenden nachhaltig und auf die eigenen Möglichkeiten abgestimmt auf einen gesunden und selbstsicheren Weg führt. Das Gehirn erweitert mit der Zeit seine Fähigkeiten und wird leistungsfähiger. Diese im Training erlangten Fähigkeiten übertragen sich auf das eigene Leben und die Leistungsfähigkeit steigt.

Natürlich gibt es noch weitere Effekte, die im Gehirn von Kampfkünstlern durch das Training angestoßen werden. Beispielsweise gibt es positive mental-psychische Effekte im Bereich der Selbstsicherheit, des Selbstbewusstseins, der Selbstwirksamkeit oder der Beziehungsgestaltung. Weiterhing hat die Wirkung von Vorbildern einen enormen positiven Einfluss auf unsere mentale und soziale Verfassung. Diese weitern Effekte sollen in zukünftigen Blogbeiträgen näher erläutert werden.

Jae-Hwa Kwon - One Body. One Life. One Mision.
Meister Kwon zu seinem 50 jährigem Jubeläum des unterrichtens in Europa und der Welt. Sein Motto: One Body. One Life. One Mission.

© Textrechte liegen bei Dr. Björn Pospiech. All rights reserved.
© Bildrechte liegen bei Jae-Hwa Kwon. All rights reserved.

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2 Gedanken zu “Kampfkunst: Die Wirkung auf das Gehirn

  1. Vielen Dank für den Artikel!
    Ich empfinde Taekwondo genau so – aktive Meditation.
    Durch das Ausüben findet man auch mehr Zeit – 😀wenn man genug Zeit ins Taekwondo investiert. So wird sogar der Zeit ausgedehnt, oder nur so empfunden?

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    1. Hallo Ana,
      Ich würde sagen, dass man sein Leben beginnt bewusster und intensiver zu erfahren. Dadurch organisiert man sich und seinen Alltag anders und nimmt sich für die wichtigen Dinge mehr Zeit. Es ist für mich also kein ausdehnen der Zeit, sondern ein bewusster Umgang damit.
      Wobei… Zeit ist ja relativ…
      Liebe Grüße, Björn

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