Selbstverteidigung ist mehr als körperliche Fähigkeiten (Kommentar zu den Ereignissen in Köln)

Sehr geehrte Leserin, Sehr geehrter Leeser,

ich möchte mich an Sie richten und auf die aktuelle Diskussion rund um die Übergriffe zur Silvesterzeit 2015/16 in Köln eingehen. Da ich in der aktuellen Berichterstattung grundlegende Aspekte zum Thema Selbstverteidigung misse, möchte ich Ihnen mit diesem Beitrag ein paar Gedanken mitteilen.

Frau Oberbürgermeisterin Henriette Reker meinte, dass es ein guter Ratschlag wäre sich von fremden Individuen oder Gruppen fernzuhalten, um nicht in solche Situationen (es wurden in der Silvesternacht mehrere Frauen von Gruppen junger Männer sexuell belästigt und bestohlen) zu geraten. Da ich in dieser Aussage eine gewisse Wahrheit sehe, finde ich die über Frau Reker hereingebrochene Empörungswelle im Internet und den Medien sehr bedenklich. Zugleich beobachte ich, wie jetzt eine unglaubliche Flut an Selbstverteidigungskursen aus dem Boden schießt. Viele möchten jetzt an der Verunsicherung der Frauen und unserer Gesellschaft mitverdienen. Dabei sollte genau dies mit größter Vorsicht betrachtet werden. Als Trainer oder Meister in einer Kampfsportschule tätig zu sein, macht noch lange keinen guten Selbstsicherheitstrainer aus einer Person. Ich möchte jetzt keinen Generalverdacht über alle Anbieter äußern, jedoch sollte man sich genau anschauen welche Qualifikationen jemand mitbringt und ob es dem entspricht, was gesucht wird.

Es werden nun oftmals schnelle Ergebnisse versprochen, indem Techniken innerhalb kürzester Zeit erlernt werden. Auch werden oftmals Verhaltenskodexe wie lautes Schreien und auf sich aufmerksam machen vermittelt. All diese Elemente der Selbstverteidigung haben selbstverständlich ihre Daseinsberechtigung, jedoch möchte ich Sie zum Nachdenken anregen. Ein Kampfsportler übt seine Techniken über mehrere Jahre, um die im Kampf notwendigen Reflexe aufzubauen. Jeder der glaubt dies innerhalb eines Kurses von (im besten Fall) mehreren Wochen erlernen oder vermitteln zu können, irrt. Auch wenn das Erlernte nach dem Training funktioniert, so bedeutet dies noch lange nicht, dass die erlernten Techniken auch in einer Extremsituation verfügbar sind und eingesetzt werden können.

Die effektive Selbstverteidigung setzt sich meiner Ansicht nach aus zwei Elementen zusammen. Während die „Präventive Selbstverteidigung“ sich damit beschäftigt, eine Konfrontation zu vermeiden und Wissen zu vermitteln, werden in der „Angewandten Selbstverteidigung“ Techniken erlernt, mit denen man sich in einer körperlichen Auseinandersetzung zur Wehr setzen kann. Eine kleine Grafik soll dies verdeutlichen:

SV-KonzeptionWie bereits oben beschrieben bedarf es bei den Anwendungstechniken, insbesondere bei den Techniken für einen Kampf, einer langfristigen Übung. Aus diesem Grund möchte ich im Folgenden näher auf die „Präventive Selbstverteidigung“ eingehen und Ihnen dies näher erläutern.

In der „Präventiven Selbstverteidigung“ gehe ich davon aus, dass jeder Konflikt mithilfe von Achtsamkeit im Umgang mit anderen Menschen, einer selbstbewussten Haltung und sozialpsychologischem Wissen entweder ganz oder vor der Eskalation vermieden werden kann.

Dies beginnt mit dem Wissen über und der Übung an der eigenen inneren und äußeren Haltung. Hier stehen Fragen wie „Welche Wirkung haben ich und mein Verhalten auf andere?“, „Wie sehe ich mich selbst im Umgang mit anderen?“ oder „Wie kann ich mein Verhalten und meine Wirkung bewusst steuern?“ im Vordergrund. Es gilt an der eigenen Körpersprache zu arbeiten und zu lernen diese bei anderen zu deuten, denn durch eine selbstbewusste/aufrechte Erscheinung gerät man beispielsweise nicht so leicht in eine „Opferrolle“. Über solche körperlichen Veränderungen wird dann auch ein mentaler Effekt begünstigt, wodurch man sich anderen gegenüber auch selbstbewusster verhält. Darüber hinaus lernt man andere Menschen aufgrund ihrer Körpersprache und ihres Verhaltens besser einzuschätzen und kann gegebenenfalls bereits im Vorfeld kritische Situationen vermeiden.

Ein zweiter wesentlicher Aspekt der präventiven Selbstverteidigung ist es, an der situativen Kompetenz im Umgang mit anderen Menschen zu arbeiten. Dies bedeutet, dass ich wissen muss, warum und wie Menschen in bestimmten Situationen handeln. Hier spielt die Sozialpsychologie eine wichtige Rolle, die sich mit dem Themenkomplex der allgemeinen Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens im sozialen Kontext auseinandersetzt. Wenn ich Hintergrundwissen über das menschliche Verhalten, wie der Gruppenzwang, die Gehorsamkeit, den Zuschauereffekt oder den Einfluss sozialer Normen auf unser Handeln habe, kann ich Situationen besser einschätzen. Hier geht es aber auch darum, die Wahrnehmung und Reaktion in Gruppen zu verbessen und juristische Grundlagen für das eigene Handeln kennenzulernen, also was beispielsweise Notwehr ist, was dies von Selbsthilfe und Notstand unterscheidet und welche Rechte ich habe, mich und andere zu verteidigen. Letztlich sollten hier auch Umgangsweisen geübt werde, um kritische Situationen zu vermeiden oder zu schlichten.

In der „Anwendungsorientierten Selbstverteidigung“ gehe ich dann davon aus, dass wir uns zunächst aus einer gefährlichen Situation befreien und uns der Situation entziehen wollen. Es geht also um das einfache (und damit schneller erlernbare) Lösen aus dem Festgehaltenwerden und der Anwendung einfacher Hebel. Gegenüber einer Angreiferin/einem Angreifer ist der Überraschungsmoment die effektivste Verteidigung, da dieser sehr wahrscheinlich zunächst verwirrt ist und wir somit Zeit bekommen. Alles was sie oder ihn aggressiv machen könnte, sollte vermieden werden. Letztlich wissen wir nie, ob eine Waffe eingesetzt werden könnte oder um die Ecke eine Gruppe zur Unterstützung wartet.

Grundsätzlich empfiehlt es sich, auch die „10 Punkte für Zivilcourrage“ des Aktion Zivilcourage e.V. zu kennen und zu verinnerlichen, welcher eine einfache und logische Handlungsanweisung aufzeigt (vorbereitet sein, ruhig bleiben, sofortiges Handeln, Unterstützung holen, Aufmerksamkeit erzeugen, Täter verunsichern, dem Opfer beistehen, keine Gewaltanwendung, nicht provozieren und die Polizei rufen).

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass die Geschehennisse in Köln wohl selbst mit den besten Selbstverteidigungskursen nicht gänzlich vermeidbar gewesen wären. Wenn eine größere Gruppe gemeinsam und geplant handelt, kann eine einzelne Person oder eine kleine Ansammlung von Personen fast nichts dagegen unternehmen.

Sollten Sie Fragen oder Anregungen zu meinen obigen Ausführungen haben, stehe ich selbstverständlich gerne zur Verfügung (nutzen Sie einfach das Formular oder schreiben ein Kommentar unten).

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Björn Pospiech

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s